Shadow on the Wall
Shadow on the Wall
Mit der Vergangenheit über die Gegenwart nachdenken
In unserem Entwerfen beschäftigen wir uns mit historisch wichtigen transformativen Momenten in Innsbruck. Uns interessiert die Geschichte sozialer und künstlerischer Bewegungen in den Themenfeldern Protest, Besetzung, Widerständigkeit, gesellschaftliche Auseinandersetzung, Aktionismus, Feminismus, Subkultur, öffentlicher Raum, autonome Kulturinitiativen, Spannungsfeld Fremd- und Selbstbestimmung, Hierarchien, etc.
Ausgangspunkt unserer Auseinandersetzung sind spezifische Situationen und Ereignisse, beispielsweise im Kontext des Buchs Innsbruck im Aufbruch. Wir beschäftigen uns mit konkreten Geschichten, suchen nach ihren Spuren und erkunden, was heute von ihnen geblieben ist.
Wir nähern uns der Aura dieser Ereignisse an. Radikale Handlungen haben Räume erzeugt, die wir in Fragestellungen anhand konkreter Geschehnisse bearbeiten wollen. Wir begeben uns in diese komplexen Situationen hinein, recherchieren und entwickeln Szenarien, die diese spezifischen Ereignisse als Ausgangspunkt haben. Wir stellen eine Relation zur Gegenwart her und bauen bestehende Strukturen um, transformieren sie und übersetzen sie in unsere Zeit.
Wir finden ganz spezifische Orte des Widerstands und des Protests in Innsbruck – diesen sind verschiedene Zeitebenen eingeschrieben, die wir um- und weiterbauen. Wir sammeln diese situierten Splitterstücke und nehmen sie mit in unseren kollektiven diskursiven Raum.
Durch die Betrachtung der Zeitlichkeit lassen sich Nutzung und Veränderung in Beziehung zur Materialität setzen. Zwischen diesen Schichten entstehen Bruchlinien, die verschiedenen zeitlichen Ebenen können in all ihren Konflikten nebeneinander bestehen, und ihre Spannungen am Material abgelesen werden.1
Wir finden Orte, die sich transformieren lassen, die verhandelbar sind.
Wir überlagern, denken weiter, schichten, kombinieren neu.
Wir arbeiten mit dem Prozessualen, dem Unfertigen und Unperfekten.
Wir arbeiten ad-hoc, situationsspezifisch und performativ.
Wir begreifen Raum im Sinne Lefebvres als Produkt sozialer Praxis. Dabei geht es nicht um Raum an sich, sondern um seine Manifestation in ganz spezifischen Situationen. Bei sozialen Praxen werden immer konkrete Räume angeeignet und produziert, seien sie physisch-materiell oder symbolisch. So wird jede soziale Praxis unausweichlich auch immer zu einer räumlichen. Physische Materialität wird also nicht durch die reine Form eines Objekts wichtig, sondern dadurch, dass eine soziale Praxis Bezug auf sie nimmt. 2
Mit Rückblicken in die Zeit des Aufbruchs stellen wir uns die Frage:
Was für eine Gesellschaft wollen wir morgen sein?
Welche Haltung gegenüber den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit haben wir?
Was ist das kritische Moment unserer Geschichten und Orte?
Wir unterbrechen die Kontinuität der Nutzungen und konfrontieren sie mit neuen Ideen oder greifen wieder auf, was der Ort schon immer in sich trug.
Deswegen lassen wir einen sozial durchlässigen Raum entstehen. Ein Ort, an dem selbst-organisiert gelernt und verlernt werden kann. Ein Ort, der niemanden und allen gehört, der verhandelbar und Raum als Prozess begreift. Ein Ort der die Klimakrise als Teil unseres Alltags und der Gesellschaft anerkennt und ihren Einfluss auf die Stadt ernst nimmt. Ein Ort, in dem die Natur die Stadt zurückerobert und ein Terrain Vague initiiert. > Die Möglichkeiten sind vielfältig und werden von euch bestimmt.
Methode
In unserer Arbeit mit der Geschichte und dem Bestand nutzen wir den epistemischen Charakter verschiedener Medien, um zu neuen Erkenntnissen über Orte und Ereignisse zu gelangen. Es werden verschiedene Methoden erprobt, um den Sense of Place der gewählten Situationen zu transportieren.
Entwerfen ist ein multimedialer Prozess, der sich kontinuierlich zwischen unterschiedlichen Ausdrucksformen bewegt. Diese Medien sind performativ, vermitteln Wahrnehmung sinnlich und ermöglichen es, Dinge auch ohne deren physische Präsenz zu erfahren.3
Wir nutzen Methoden, wie Mock up, Sampling, Collage, Assemblage, Bricolage, Transkription, Arbeitsmodelle, Skizzen, etc. um die Geschichte zu erleben, mit der Gegenwart zu verhandeln und räumliches Wissen zu erlangen.
„By “inhaling the memory” of architecture from across time and space, collage allows me to sample and recombine specific formal and material qualities to create new spaces that address new challenges in new contexts.” 4
Im Zuge unserer Recherche beschäftigen wir uns nicht nur mit historischen Facetten unserer Stadt, sondern setzen uns auch kritisch mit der Entwicklung unserer eigenen Praxis auseinander. Was ist die Rolle von Gestalter:innen? Wie situieren wir uns in der Welt? Aus welcher Perspektive sprechen und handeln wir? Im Sinne des unlearning wollen wir städtische als auch architektonische Praktiken und Prozesse hinterfragen und spielerisch verlernen.
Studio
Wir möchten das Arbeiten mit euch diskursiv und kollektiv gestalten. Der Entwurfsprozess ist beim Umbau anders als beim Neubau. Der Bestand weist einen eigenen Entwurfswillen auf und beteiligt sich aktiv am Ergebnis. Deshalb arbeiten wir dialogisch, nicht monologisch. Mit Workshops, Exkursionen und Übungen wollen wir die Inhalte physisch erleben und einen unhierarchischen Austausch schaffen.
1 Chiffre, Lorenzo De. 2025. Transformation des Bestandes. TU Wien Academic Press, S.17
2 Belina, Bernd. 2013. Raum: zu den Grundlagen eines historisch-geographischen Materialismus. 2. Auflage Münster 2017. Einstiege 20. Westfälisches Dampfboot. S.8-26
3 Gasperoni, Lidia, und Christophe Barlieb, Hrsg. 2020. Media Agency – Neue Ansätze zur Medialität in der Architektur. ArchitekturDenken 10. Transcript Verlag. S.15-22
4 Brown, Marshall. 2022. The Architecture of Collage: Marshall Brown. Herausgegeben von James Glisson. With Anna Arabindan-Kesson, Aaron Betsky, und Santa Barbara Museum of Art. Park Books. S.12
Erstes Treffen am Mittwoch 04.03.2026 um 10:30 Uhr am ./studio3
Wir treffen uns immer mittwochs.
Bild: Sabrina Dorner


