Der Diskurs über die gegenwärtige und zukünftige Architektur beginnt nicht mehr auf der grünen Wiese. Die Zukunft der Architektur liegt längst im Bestand. Nicht Abriss und Neubau, sondern Weiterbauen, Umbauen, Umdeuten und Wiederverwenden werden zu zentralen Entwurfsaufgaben. Das Vorgefundene ist dabei weder Hindernis noch bloßer Hintergrund, sondern Ressourcen für neue architektonische Entscheidungen.
WHAT’S THE MATTER? versteht das Entwurfsstudio als Ort dieser Auseinandersetzung. Matter bezeichnet dabei gleichermaßen Materie und Angelegenheit: das physisch Vorhandene ebenso wie das, was gesellschaftlich, kulturell und ökologisch von Bedeutung ist. Die Frage WHAT’S THE MATTER? richtet sich damit sowohl an den Gegenstand als auch an die Relevanz von Architektur: Womit beschäftigen wir uns – warum ist es wichtig und schließlich: Wie kann daraus eine architektonische Position entstehen?
Architektur wird damit zu einer Praxis des Lesens, Verknüpfens und Transformierens.
Lesen bedeutet, genau hinzusehen. Jeder Ort trägt bereits Informationen in sich. Gebäude sind materielle Archive, Ergebnisse langer Transformationsprozesse. Gesellschaftliche Konflikte schreiben sich in Räume ein, digitale Systeme erzeugen physische Infrastrukturen und neue Formen räumlichen Verhaltens. Was auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint, muss deshalb zerlegt, untersucht und neu gelesen werden.
Verknüpfen heißt, neue Beziehungen herzustellen. Architektur entsteht nicht allein aus isolierten Elementen, sondern aus ihrem Verhältnis zueinander: zwischen Tür und Angel, Alt und Neu, Körper und Raum, Material und Bedeutung, lokalem Ereignis und globalem System, physischer und virtueller Realität, individueller Handlung und gesellschaftlicher Struktur. Entwerfen heißt in diesem Sinne, heterogene Bedingungen miteinander in Beziehung zu setzen und daraus neue räumliche Ordnungen zu entwickeln.
Transformieren meint, daraus Architektur zu formulieren. Das Vorgefundene wird weder bloß bewahrt noch ersetzt. Es wird befragt, zerlegt, ergänzt, verschoben, überschrieben, umgenutzt und neu zusammengesetzt. Architektur wird zum Instrument, mit dem bestehende Verhältnisse nicht nur sichtbar gemacht werden, sondern greift in sie ein – und eröffnet räumliche Alternativen.
Recherche und Entwurf sind keine aufeinanderfolgenden Phasen, sondern Teil desselben Erkenntnisprozesses. Zeichnung, Modell, Mapping, Film, Fotografie, Scan, digitale Simulation, künstliche Intelligenz oder 1:1-Prototyp sind nicht nur Darstellungsmittel. Sie sind epistemische Werkzeuge: Methoden, mit denen wir etwas über die Welt erfahren und mit welchen wir Architektur entwerfen.
Dabei interessiert uns nicht die Komplexität um ihrer selbst willen. Im Gegenteil. Angesichts einer zunehmend komplexen Welt stellt sich die Frage nach Präzision neu. Welche Information wird tatsächlich entwurfsrelevant? Was kann weggelassen werden? Welche räumliche Entscheidung trägt ein Projekt? Wie lässt sich aus Recherche eine klare architektonische Haltung und daraus eine präzise Gestaltungssprache entwickeln?
Entwerfen weder ein linearer Prozess noch bloße Problemlösung. Es ist eine Form des Denkens.
1 Florian Hertweck, Christian Hiller, Markus Krieger, Alex Nehmer, Anh-Linh Ngo, Milica Topalović; ARCH+ 250 The Great Repair – Politiken der Reparaturgesellschaft; 2022
2 Doctorow, Cory; Why Everything Enshittification Suddenly Got Worse and What to Do About It; MCD; 2025

