WORST CASE
Wir glauben – wie die Initiative Abbrechen Abbrechen –, dass das Münchner Justizzentrum in der Nymphenburgerstraße erhalten werden muss. Nicht nur wegen seiner architektonischen Bedeutung, sondern weil seine graue Energie unbezahlbar ist. Abriss bedeutet den Verlust von Ressourcen, Geschichte und bereits gebundener Energie. Deshalb unterstützen wir den Kampf um seinen Erhalt.
Doch wir stellen uns eine unbequeme Frage: Was passiert, wenn wir verlieren?
Nicht, weil wir den Abriss akzeptieren, sondern weil wir uns weigern, ihn als Ende anzuerkennen. Unser Entwurf beginnt dort, wo die Politik aufhört, zuzuhören – in dem Moment, in dem alle Argumente für den Erhalt wirkungslos geworden sind und der Abriss beschlossen ist. Unser Projekt versteht sich nicht als Alternative zum Erhalt, sondern als Vorbereitung auf den schlimmsten Fall: ein Plan B, der die Idee des Erhalts dort weiterführt, wo Architektur offiziell für beendet erklärt wird.
Die Betonwände des Strafjustizzentrums zeigen, wie jene vieler brutalistischer Gebäude der 1970er Jahre, offen, wie sie entstanden sind: Abdrücke der Schalung, Arbeitsspuren, sichtbares Material ohne Verkleidung.1 Zahlreiche brutalistische Bauten entstanden im Rahmen umfangreicher sozialer Wohnbauprogramme oder öffentlicher Nutzungen. Die Architektur war dabei soziale Aufgabe und Infrastruktur für alle.2 Diese Haltung ist im Strafjustizzentrum bis heute eingeschrieben, ebenso wie seine Geschichte: In seinen Sälen wurden über Jahrzehnte Verfahren, wie etwa der NSU-Prozess zwischen 2013 und 2018, verhandelt, die weit über München hinaus Bedeutung hatten und das kollektive Gedächtnis bis heute prägen.3 Die Geschichte haftet also nicht an der Fassade, sondern am Material selbst. Der Brutalismus verdeutlicht, wie eng technische, gestalterische und gesellschaftliche Aspekte miteinander verwoben sind und „…der Bestand bleibt, was er ist: ein mächtiges Erbe, das sich nicht einfach wegrechnen lässt.“4
Der Abriss wird deshalb nicht als Endpunkt verstanden, sondern als Übergang. Das Strafjustizzentrum wird zum Materiallager, zur urbanen Ressource, zum Archiv grauer Energie. Statt zerstört wird es experimentell demontiert, seine Bauteile katalogisiert und in einer Materialbörse erfasst – nicht als Lager, sondern als Entwurfswerkzeug. Jedes Bauteil wird aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und in neue räumliche, gesellschaftliche und funktionale Beziehungen gesetzt. Es geht nicht um Rekonstruktion, sondern um Rekontextualisierung.
Aus dieser Materialbörse entstehen jedoch nicht beliebige Projekte. Die Bauteile werden gezielt eingesetzt, um auf ein zweites Worst Case Szenario zu reagieren: Bei anhaltender Klimapolitik ist bis zum Ende des Jahrhunderts mit einer globalen Erwärmung zwischen 2,2 und 3,4 °C zu rechnen. Für München fallen die Extremprognosen mit bis zu vier Grad sogar noch höher aus.5 Dass diese Entwicklung nicht nur eine abstrakte Zukunftsprognose ist, zeigt sich bereits in den Hitzewellen dieses Sommers. Sie machen die möglichen Folgen des Klimawandels unmittelbar erfahrbar. Gerade vor dem Hintergrund der bereits heute spürbaren Extremwetter ist eine Erwärmung um bis zu vier Grad kaum vorstellbar. Umso deutlicher wird die Notwendigkeit, schon heute Strategien für die Stadt von morgen zu entwickeln.
Die Bauteile werden gezielt eingesetzt, um darauf zu reagieren: Wir nutzen sie, um Plätze, Straßen, Innenhöfe, Schulhöfe, Dachlandschaften, Parkplätze, Bahntrassen und Uferräume in München klimaresilient umzubauen. Grundlage ist eine ortsspezifische Analyse der Mikroklimata – Sonneneinstrahlung, Wind, Feuchtigkeit, Wasserhaushalt. Wie Landschaftsarchitekt Bas Smets fragen wir nicht, wie ein Ort früher aussah, sondern wie die Natur unter künftigen klimatischen Bedingungen auf ihn reagieren würde. Denn schon bei zwei Grad Erwärmung verschiebt sich das Klima um rund 300 Kilometer nach Süden. Unsere Eingriffe beschleunigen natürliche Prozesse, weil der Klimawandel keine Zeit für jahrhundertelange Sukzession lässt.6
An die Stelle versiegelter, überhitzter Stadträume treten Klimamaschinen. Architekturen und Landschaften als aktive Schnittstelle zur Atmosphäre, die das Mikroklima optimieren, Regenwasser speichern und dem Grundwasser zurückführen, natürliche Ventilation fördern und Lebensräume schaffen. Die Bauteile des Strafjustizzentrums werden zu Regengärten, Retentionssystemen, Habitatstrukturen und Klimadenkmalen – neue Funktionen im öffentlichen Raum.
So greifen beide Worst-Case-Szenarien ineinander: Der mögliche Verlust des Strafjustizzentrums wird zur Ressource gegen die Folgen des Klimawandels. Der Protest gegen den Abriss setzt sich im Material fort. Was offiziell verschwindet, zirkuliert weiter. Was als Abfall deklariert wird, wird zum Entwurfsmaterial einer klimaresilienten Stadt.
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1 Torkar, Felix. 2025. „Der Brutalismus ist zurück“. Jacobin, August 9. https://jacobin.de/brutalismus-beton-nachhaltigkeit-architektur-staedtebau-baustil/.
2 Hager, Tobias. 2025. „Brutalismus: Beton, ehrlich und oft missverstanden“. Baumeister, Juli 24. https://www.baumeister.de/brutalismus-deutschland-oesterreich-schweiz/.
3 Initiative JustizzentrumErhalten. 2023. Für den Erhalt des Justizzentrums an der Nymphenburger Straße und seiner Verwandten. Februar 1.
4 Hager 2025
5 Schwingshackl, Clemens. 2025. „Glühender Asphalt: Städte in Zeiten der Klimakrise“. Januar. https://www.lmu.de/de/die-lmu/struktur/zentrale-universitaetsverwaltung/presse-und-kommunikation-puk/forschungsmagazin/hitze-01-2025/staedte-im-klimawandel/.
6 Smets, Bas, und Alex Nehmer. 2026. „Pflanzen Zu Verbündeten Machen“. Stadtnatur: Urban Nature, ARCH+, Bd. 263.
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Erstes Treffen: Donnerstag 08/10/2026 um 10:00 Uhr am ./studio3


