„Architektur ist kein Wunschkonzert“

 

Kahtrin Aste im TT-Interview

Kathrin Aste sorgt als neue Leiterin des Instituts für experimentelle Architektur dafür, dass Volker Gienckes „Schrei nach Architektur“ lange widerhallt.

Die Fußstapfen, die Sie als Nachfolgerin von Volker Giencke ausfüllen müssen, sind groß. Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz im Lehren von Architektur von dem Ihres Vorgängers?

Kathrin Aste: Die Fußstapfen, die Giencke gesetzt hat, sind natürlich groß und tief. Aber sie sind mir als seiner ehemaligen Studentin und langjährigen Assistentin auch sehr vertraut. Was Giencke und mich verbindet, ist nicht zuletzt unsere Haltung in puncto Baukultur. Mein Vorgänger hat unermüdlich den kulturellen Anspruch von Architektur eingefordert und bei seiner Ausstellung im aut seinen „Schrei nach Architektur“ dramatisch formuliert. In meiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Landespreises für Kunst an Giencke habe ich ihm versichert, dass wir diesen Schrei nicht nur gehört haben, sondern auch für einen langen Widerhall sorgen werden. Jetzt bin ich in einer Position, die es mir ermöglicht, dieses Versprechen auch einzulösen.

Das /studio3 wird also weiterhin ein Kreativlabor bleiben, das sehr vieles möglich macht?

Aste: Das ist meine Absicht, wobei ich als jemand, der von Hierarchien nichts hält, das /studio3 im Sinn eines im Team arbeitenden Kreativlabors verstehe. Bestehend aus großartigen ArchitektInnen, KünstlerInnen und WissenschafterInnen, von dem man sich dementsprechend viel erwarten darf.

Oft wird bekrittelt, dass sich die Universität zu sehr in den elfenbeinernen Turm zurückzieht, sich kaum zu lokal relevanten Problemen, auch in Sachen Baukultur, äußert, wie es vor Jahrzehnten etwa Josef Lackner getan hat. Wie werden Sie das halten?

Aste: Ich und mein Team werden uns ganz bestimmt mit Vehemenz engagieren, wenn es um die Baukultur im Land geht. Versuchen, die Ideen, die an der Uni generiert werden, in die Gesellschaft zu tragen. Das /studio3 hat das nicht zuletzt durch Aktionen und Interventionen, aber auch temporäre Bauten, wie etwa das bilding, immer getan. Aber es ist halt die Frage, ob und wie man gehört wird. Generell glaube ich aber ganz fest, dass die Universität eine Verantwortung für den Erhalt der Baukultur und des Berufsstandes der ArchitektInnen hat.

Architektur ist ja etwas, das sich für Laborversuche nur begrenzt eignet. Das bilding ist ein fabelhaftes Beispiel dafür, ein Experiment in einer kollektiven Anstrengung real umzusetzen. Wird es weitere solche Aktionen geben?

Aste: Ja, wir beteiligen uns derzeit gerade an den Vorbereitungen zur Maximilian-Ausstellung im Innsbrucker Zeughaus, wo es um das Haus als einzigem Nutzbau aus dieser Zeit in Tirol gehen wird. Und für das Heart-of-Noise-Festival werden wir vor dem Haus der Musik eine Bühne bauen. Wir brauchen Feld- experimente dieser Art, das 1:1-Bauen, dringend, um die notwendigen praktischen Erfahrungen zu machen. Denn Architektur denkt in Verhältnissen und kommuniziert in Maßstäben. Durch das Ereignis des Bauens wird der Entwurf erst nachvollzieh- und diskutierbar, was für die Studierenden eine Erfahrung von unschätzbarem Wert ist. Wir werden uns zukünftig aber auch mit dem virtuellen Raum vertieft beschäftigen, zumal wir den realen Raum ganz anders wahrnehmen, seit der virtuelle immer präsenter wird.

Seit 100 Jahren dürfen Frauen wählen und an Universitäten studieren, auch Architektur. Heute gibt es mehr Studentinnen als Studenten, der Beruf ist trotzdem noch immer sehr männlich dominiert. Warum ist das so?

Aste: Diesbezüglich hat sich schon viel geändert, es geht allerdings schleichend. Mir fällt auf, dass sich viele weibliche Absolventen letztlich für der Architektur verwandte Bereiche wie Architekturtheorie, -kritik oder -vermittlung entscheiden. Das Studium lehrt die Architektur zu Recht mit einem hohen künstlerischen Anspruch. Leider hält die Realität meist nicht, was das Studium verspricht, was ebenso ein Grund dafür sein mag, warum sich viele Absolventinnen gegen den Beruf der praktizierenden Architektin entscheiden. Was allerdings nicht heißt, dass sich der Anspruch der Universität an der aktuellen Baupraxis orientieren soll. Eher könnte man kritisch hinterfragen, ob vieles von dem, was gebaut wird, noch Architektur ist. Wenn wir noch lange so weitermachen, wird es den Beruf des Architekten bald nicht mehr geben oder er wird so uninteressant, dass ihn keiner mehr ausüben will.

Warum wird Ihrer Meinung nach die Rolle des Architekten/der Architektin immer unwichtiger, wie man angesichts so mancher Entwicklungen in jüngster Vergangenheit bemerken muss?

Aste: Das liegt daran, dass Bauprojekte zunehmend nicht mehr als Prozesse des Entwickelns und Planens verstanden werden, sondern als ambitionslose Umsetzung von Standards, Normen und Plankosten. Die Probleme beginnen schon in der Projektvorbereitungsphase. Sie dient eigentlich dazu, ein konkretes Bauvorhaben zu formulieren, Projektziele zu definieren, um damit eine konkrete „Bestellung“ aufzugeben. Verhandelt auf Basis von Partialinteressen, fehlt der Projektvorbereitungsphase allerdings oft die Expertise der Architektenschaft und damit das notwendige universelle Verständnis um die Komplexität solcher Bauvorhaben. Generalunternehmer garantieren mit ihrem Angebot nur die Kosten, aber nicht architektonische Qualität. Im Gegensatz zu ihnen sind ZiviltechnikerInnen dem Gemeinwohl und vor allem der Qualität von Architektur verpflichtet. Aber wenn vorwiegend Juristen und Finanzcontroller bestimmen, wie und in welcher Qualität gebaut wird, erübrigt sich das Thema Baukultur und das kann nur als Rückschritt gewertet werden. Generalunternehmerverfahren werden der im Bundesvergabegesetz formulierten Idee des fairen Wettbewerbs nicht gerecht. Die Wirtschaftskammer sollte diese Verfahren ebenso entschieden ablehnen wie die Ziviltechnikerkammer, zumal besonders die qualitätsorientierten heimischen Handwerksbetriebe dadurch benachteiligt werden.

Höre ich da eine Kritik an der Arbeit der Architektenkammer?

Aste: Die Ziviltechnikerkammer ist sehr engagiert und versucht Bewusstsein zu schaffen. Doch obwohl sie selbst gesetzlich verankert ist, wird sie oft seitens der Politik zu wenig gehört. ZiviltechnikerInnen unterliegen gemäß ihrer Rechtsstellung der Gewaltentrennung zwischen Planung und Ausführung. Das garantiert eine umsichtige und uneigennützige Vorgehensweise bei der Vergabe und Ausführung von Bauleistungen. Ignoriert man diese Qualität, werden die freien Berufe und ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft in Frage gestellt.

Glauben Sie daran, dass Wettbewerbe das beste Werkzeug sind, um gute Baukunst zu generieren?

Aste: Durchaus. Wobei ich es für wichtig halte, dass Wettbewerbe wieder mehr zur Jurierung von architektonischen Konzepten führen. Das Verständnis, sich mit dem Gewinner eines Wettbewerbs ein fertiges Gebäude gekauft zu haben, kann nur zu großen Missverständnissen führen. Denn zu glauben, Architektur wie einen Anzug kaufen zu können, ist ein großer Irrtum. Architektur ist kein Wunschkonzert.

Was sollte da passieren?

Aste: Man muss wieder offener werden, den Wettbewerb als Ideenpool verstehen, um baukünstlerische Konzepte zu generieren. Aus denen das eigentliche Projekt in weiterer Folge gemeinsam mit dem Bauherrn und den Nutzern entwickelt wird. Der politische Wille ist der zentrale Punkt. Billig allein kann jedenfalls nicht unser kultureller Anspruch sein. Investitionen in Baukunst machen sich bezahlt, noch nach Jahrzenten.

Das Gespräch führte Edith Schlocker


© Foto TT / Rudy De Moor

 

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