LIT
LIT – Lost in Transistion
track, map, act – Büchsenhausen
Lino Lanzmaier und Teresa Stillebacher Gruppe 0
Das Künstler*innenhaus Büchsenhausen ist Ausgangspunkt und
Untersuchungsobjekt für das E3-Entwerfen.
Gemeinsam mit der neuen Programm- und Geschäftsleitung, Barbara Mahlknecht und Johannes Reisigl, soll überlegt werden, wie es mit dem Gebäude und der Institution weitergehen soll.
Dazu bilden eine Bestandsaufnahme und ein breit gefächertes Mapping die Grundlage für Überlegungen und Entwürfe für das Haus.
Im Sommersemester sollen diese Ideen im Rahmen des Entwerfens in einer oder mehreren 1:1-Umsetzungen im Schloss Büchsenhausen realisiert werden – etwa Möblierungen, eine Pop-up-Bar oder Ähnliches.
Das Künstlerinnenhaus Büchsenhausen ist ein postgraduales Zentrum für Produktion, Forschung und Vermittlung im Bereich der visuellen Künste und der Kunsttheorie. Büchsenhausen ist eine Sektion des Vereins Künstlerinnen Vereinigung Tirol.
Der Gebäudekomplex geht im Kern auf das 16. Jahrhundert zurück, war im Besitz der Tiroler Gießerfamilie Löffler — Glocken- und Büchsengießer — und steht heute unter Denkmalschutz.
Das Künstler:innenhaus Büchsenhausen bewohnt einen Teil des Schlosses, das ein internationales Fellowship-Programm für Kunst und Theorie mit Ateliers für in Tirol lebende Künstler:innen verbindet.
Damit ist der Untersuchungsgegenstand auf mehreren Ebenens in Transition: ein Haus, das vom Produktionsort über den Ansitz zur Kunstinstitution geworden ist — und ein Haus, dessen heutige Bewohnerschaft grundsätzlich auf Zeit da ist. Ankommen, arbeiten, ausstellen, gehen.
Wir nähern uns dem Haus auf mehreren Ebenen: baulich, historisch, institutionell, atmosphärisch, alltäglich – indem wir es aufnehmen und untersuchen, dort arbeiten und Zeit verbringen.
Das Künstler*innenhaus Büchsenhausenstehen beinhaltet mehrere Charakter des ‘Bewohnens’.
Die eine ist der Rückzugsort: Künstleratelier, Abtei, Landhaus, Sanatorium. Der Ort liegt etwas außerhalb, die Architektur schirmt ab, die Legitimation ist Konzentration.
Die andere ist die Einbettung in die Stadt und Kunstgefüge: Residency als Kunstproduktion im Stadtgefüge, in Nachbarschaften, in Konflikten — Programm statt Klausur, Öffentlichkeit statt Schutz.
Residencies produzieren Internationalität, Diskurs und Sichtbarkeit für Orte, die sonst kunstgeographische Peripherie wären — und sie sind gleichzeitig anfällig dafür, Aufwertungsmotor zu sein.
Die Kritik der „creative city” (Richard Florida) dass temporäre kulturelle Nutzung eines leerstehenden oder unrentablen Bestands oft die erste Phase einer Immobilienverwertung ist.
Uns stellt sich die Frage, ob ein solcher Ort über seine eigenen Grenzen hinaus ausstrahlen und tatsächlich einen Mehrwert für die Nachbarschaft erzeugen kann – nicht im Sinne einer bloßen städtebaulichen Aufwertung, sondern als lebendiger, zugänglicher und gemeinschaftlich wirksamer Ort, der zugleich im Inneren bestehende Potenziale stärkt, neue freilegt und deren Entfaltung ermöglicht.
NUTZUNG
•Wohnen — privat, temporär besetzt, introvertiert, Rückzug, Schlafen, Kochen, Essen, Hygiene, Aufenthalt, gemeinschaftlich, individuell, ruhig, intim, persönlich, flexibel
•Arbeiten — Atelier, Werkstatt, Schreiben, Garten, Lager, Recherche, Produktion, Materialbearbeitung, konzentriert, kommunikativ, laut, leise, sauber, schmutzig, hell, dunkel, Tageslicht, künstliches Licht, unterschiedliche Zeitrhythmen, temporär, dauerhaft, flexibel
•Verwaltung —Büro, Leitung, Kuration, Buchhaltung, Reinigung, Instandhaltung, Archiv, Organisation, Besprechung, Empfang, Kommunikation, Dokumentation, Lagerverwaltung, Technik, Personal, intern, kontrolliert, konzentriert, ruhig, regelmäßig, dauerhaft
•Öffentlichkeit — Vortrag, Ausstellung, Abendveranstaltung, Bar, Garten, Ankunft von Residencies, Bibliothek, Begegnung, Essen, Feiern, Präsentation, Diskussion, Performance, Konzert, Empfang, Aufenthalt, Durchgang, informell, repräsentativ, offen, temporär, laut, leise, tagsüber, abends, saisonal
Existing only to be crossed, actually or virtually, the threshold is not a defining border that keeps out a hostile otherness, but a complicated social artefact that produces, through differently defined acts of crossing, different relations between sameness and otherness.
Stavros Stavrides, Towards the City of Thresholds, trans. by Niko Higgins, Brooklyn 2019, p.7.
Die Residency kann als Infrastruktur für Potenzialentwicklung verstanden werden – als Ort für Produktion, Austausch, Forschung und Experiment. Dabei soll sie keine abgeschlossene Institution sein, sondern eine durchlässige „sensing membrane“1 zwischen Innen und Außen.
Die Residency ist keine Kunstproduktion, die von der Öffentlichkeit konsumiert wird, sie soll in Wechselbeziehung mit der Nachbarschaft, dem Ort stehen.
Zwischen Künstler, Ort, Institution und Nachbarschaft entstehen „systems of exchange“, in denen nicht nur Kunst nach außen vermittelt wird, sondern auch die Umgebung auf den Ort einwirkt und ihn mitprägt. Die Wirkung entsteht somit nicht allein durch die Öffnung zur Öffentlichkeit, sondern durch einen gegenseitigen Austausch, der Potenziale innerhalb des Ortes stärkt und zugleich in die Nachbarschaft ausstrahlt.
Wie kann Architektur einen solchen Innen-Außen-Austausch ermöglichen und fördern? Welche räumlichen Interventionen können dazu beitragen, Grenzen durchlässig zu machen und den Ort als „sensing membrane“ zu verstehen – als einen Raum, der Impulse aus seiner Umgebung aufnimmt, auf sie reagiert und zugleich selbst in die Nachbarschaft ausstrahlt?
Wie muss ein Ort organisiert sein, damit zwischen seinen unterschiedlichen Bereichen und zwischen Ort und Nachbarschaft solidarischer Austausch entstehen kann?
Und wie kann Architektur Räume für demokratische Teilhabe schaffen, in denen unterschiedliche Akteure Zugang erhalten, mitwirken und den Ort aktiv mitgestalten können?
METHODEN
MAPPING
Wir werden mit unterschiedlichen Methoden arbeiten, um die gewonnenen Erkenntnisse und räumlichen Zusammenhänge zu visualisieren und daraus mögliche architektonische Interventionen und Handlungsspielräume abzuleiten.
Wir beginnen mit einem vielschichtigen Mapping, bei dem Kleingruppen von zwei bis drei Studierenden unterschiedliche Filter und Perspektiven auf den Ort anwenden. Die folgenden Punkte dienen dabei als erste Vorschläge und können durch weitere Fragestellungen ergänzt werden.
Die gewonnenen Erkenntnisse, Beobachtungen und Beziehungen sollen in eigenständigen Zeichnungen und Darstellungen sichtbar gemacht werden. Dabei geht es nicht nur um die Dokumentation des Bestands, sondern darum, verborgene Zusammenhänge, Potenziale, Spannungen und Wechselwirkungen des Ortes sichtbar zu machen.
KATALOG
Aus den Mappings entsteht eine Sammlung von Objekten, Gebäudeelementen, Atmosphären, Materialien, Funktionen, Werkzeugen,… – ein Katalog, der als Grundlage für die weitere Gestaltung dient. Dabei verstehen wir die einzelnen Elemente nicht als isolierte Bausteine, sondern als Akteure innerhalb eines Netzwerks: Jedes Objekt trägt eine Vielzahl von Informationen, Beziehungen und möglichen Bedeutungen in sich, die sich je nach Kontext verändern.
Der Katalog soll deshalb nicht linear oder vollständig logisch aufgebaut sein, sondern Querverbindungen, Überschneidungen und unerwartete Beziehungen sichtbar machen. Große räumliche, soziale oder zeitliche Zusammenhänge können sich dabei im Kleinen widerspiegeln. Gestaltung entsteht somit nicht allein aus einzelnen Elementen, sondern aus den Beziehungen, die zwischen ihnen entstehen und immer wieder neu verknüpft werden.
In Anlehnung an Beatriz Colomina und die Akteur-Netzwerk-Theorie verstehen wir Objekte, Räume und Materialien als relationale Elemente, deren Bedeutung und Wirkung sich durch ihre jeweiligen Beziehungen und Kontexte verändern.
(Vgl. Beatriz Colomina, Sexuality and Space, Princeton Architectural Press, 1992; Bruno Latour, Reassembling the Social, 2005.)
MASTERPLAN, DESIGN
Welcher Masterplan für das Areal ergibt sich aus dem Research?
Welche architektonischen Interventionen können die gewonnenen Erkenntnisse und Potenziale am besten umsetzen?
Welche Elemente kommen wo und auf welche Weise zum Einsatz?
Welche räumlichen und gestalterischen Qualitäten brauchen wir?
Auf Grundlage des Research entwickelt jede Studierende eine eigene räumliche Strategie und ein daraus abgeleitetes Design.
Permanente Möblierungen, Pop-up-Bar, Outdoor Kitchen, Prototypen, neue Infrastrukturen, neue Zugänglichkeiten, temporäre Interventionen, Garten, multifunktionale Elemente?
1:1 BAUEN! MIKROPLAN
Gemeinsam entscheiden wir, welche Ideen und Projekte wir umsetzen möchten. Dabei kann ein einzelnes Projekt entstehen, mehrere eigenständige Interventionen oder ein Konglomerat verschiedener Elemente, die gemeinsam auf den Ort reagieren.
Im Anschluss werden die ausgewählten Projekte direkt vor Ort in Büchsenhausen geplant, gebaut und realisiert. Der praktische und experimentelle Charakter des Design-Build-Prozesses für uns im Vordergrund.
Wir wollen dabei vorwiegend mit gefundenen Objekten, wiederverwendeten Materialien und bereits vorhandenen Ressourcen arbeiten. Eine Sammlung potenzieller Materialien, Objekte und Bauteile soll deshalb bereits im Vorfeld entstehen und als Materialpool für den weiteren Entwurfs- und Bauprozess dienen.
Parallel zur baulichen Umsetzung wollen wir den Ort durch ein oder mehrere Events aktivieren. Diese Veranstaltungen können bereits vor Beginn der Bauarbeiten stattfinden und den Prozess selbst zum Teil des Projekts machen. So entsteht nicht nur etwas am Ort, sondern auch ein Programm, das unterschiedliche Menschen mit dem Projekt in Kontakt bringt.
QUELLEN:
1 Residencies as Thresholds between Art, Place and People
Bruno Alves de Almeida
2 Reclaiming Time and Space (Introduction)
Taru Elfving & Irmeli Kokko


