BLEIBEN
Auf rund 1.400 Metern Seehöhe liegt Boden im Bschlabertal, einem der abgelegensten Orte Tirols. Abwanderung und Überalterung der Einwohner prägen das Tal. In Boden selbst leben nur noch wenige Menschen ganzjährig. Gleichzeitig verwandelt das experimentelle Festival „medienfrische“ den Ort jedes Jahr für einige Wochen in ein Labor für neue Medien, Kunst, Musik, Film, Performance und experimentelle Formen des Zusammenlebens. Künstler:innen kommen, wohnen und arbeiten vor Ort. Häuser, Stadel, Landschaft und Dorf werden zu Arbeits und Ausstellungsräumen. Aus einem abgeschiedenen Ort entsteht temporär eine neue Gemeinschaft. Es entstehen Momente des Austausches: zwischen Kunst und Landschaft, zwischen Neuem und Traditionellem, und nicht zuletzt auch zwischen Menschen verschiedenster Prägung.
Was bleibt, wenn alle gegangen sind?
Ausgangspunkt des Entwerfens ist ein historisches Bauernhaus in Boden. Wohnteil und Stadel, massive und hölzerne Bauteile, Vertäfelungen, Einbauten, Reparaturen, Überformungen und Gebrauchsspuren bilden ein räumliches und materielles Archiv.
Das Haus ist Material.
Der Bestand wird dabei nicht als unantastbares Ganzes verstanden. Er darf geöffnet, ausgehöhlt, rückgebaut, ergänzt oder neu organisiert werden. Gerade dort, wo heutige Anforderungen an Feuchtigkeitsschutz, Dämmung, Konstruktion und Nutzung mit der historischen Substanz in Konflikt geraten, können neue, eigenständige räumliche Systeme entstehen – bis hin zu einem Raum-im-Raum-Prinzip. Entscheidend ist die präzise Beziehung zwischen Alt und Neu. Vorhandene Vertäfelungen, Balken, Bretter, Türen, Möbel, Bauteile, Gegenstände oder andere Fragmente können erhalten, ausgebaut, versetzt und wiederverwendet werden. Sie werden Teil einer neuen räumlichen Assemblage, in der Vorgefundenes und Hinzugefügtes nicht zwangsläufig zu einer homogenen Einheit verschmelzen müssen. Collage, Montage und Assemblage werden damit zu möglichen architektonischen Strategien des Weiterbauens. Interessant sind insbesondere die Schnittstellen: Wo berührt das Neue den Bestand? Wo löst es sich davon? Wo wird etwas herausgeschnitten, eingesetzt, angehängt oder weitergeführt? Wo bleibt eine Fuge, ein Abstand oder eine Leerstelle? Weiterbauen bedeutet damit weder möglichst viel zu konservieren noch möglichst viel zu ersetzen. Gesucht wird eine präzise architektonische Haltung darüber, was erhalten bleibt, was verschwindet und wie aus vorhandenen Fragmenten etwas Neues entstehen kann.
Artist In Residence
Das Haus soll einen dauerhaften Ort für die medienfrische bilden. Integriert werden sollen 2-3 einfache Artist-in-Residence-Zimmer bzw. kleine Wohneinheiten mit Bad sowie eine gemeinschaftliche Küche als Treffpunkt für Bewohner:innen, Künstler:innen und Verein. Im bestehenden Stadel soll das räumliche Zentrum entstehen: ein hoher, möglichst zweigeschossiger Raum für Atelier, Ausstellung, Bibliothek, Veranstaltung und Gemeinschaft. Während der Residency dient er als Produktions- und Präsentationsraum; außerhalb der medienfrische soll er den Menschen in Boden als Bibliothek, Vereins- und Gemeinschaftsraum zur Verfügung stehen.
Methode statt Raumprogramm
Wir nähern uns der konkreten Aufgabe möglichst fragmentarisch und damit frei, um größtmögliche Potentiale aktivieren zu können. Am Beginn steht definitiv nicht der fertige Grundriss. Jede:r Studierende entwickelt eine eigene Methode, mit der Haus, Dorf und künstlerische Praxis gelesen und transformiert werden. Film, Sound, Performance, Fotografie, Installation oder digitale Medien werden nicht bloß als Nutzungen verstanden, sondern können selbst Entwurfsmethoden liefern. Aus der Methode entwickeln sich Haltung, räumliche Operation und schließlich das konkrete Projekt.
Kann der Umbau eines Hauses dazu beitragen, dass ein Ort weiterlebt?
Ziel
Entwickelt werden individuelle Projekte für die Transformation des Bauernhauses in Boden. Gesucht wird keine denkmalpflegerische Rekonstruktion und kein Neubau hinter historischer Fassade, sondern eine eigenständige Architektur, die mit dem Bestand arbeitet und neue Beziehungen zwischen temporären Gästen und dauerhaften Bewohner:innen ermöglicht. Die Aufnahme des Bestandes steht ganz zu Beginn. Bei einem Workshop in Boden machen wir uns mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut. Details werden beim Kickoffmeeting bekannt gegeben.
Kickoff:
Die Einführung findet am Mittwoch, 07.10.2025 um 10:00Uhr am Institut für experimentelle Architektur ./studio3 statt.


