ALL THE THINGS THAT MATTER
Der Diskurs über die gegenwärtige und zukünftige Architektur beginnt nicht mehr auf der grünen Wiese. Die Zukunft der Architektur liegt längst im Bestand. Nicht Abriss und Neubau, sondern Weiterbauen, Umbauen, Umdeuten und Wiederverwenden werden zu zentralen Entwurfsaufgaben. Vorhandene Räume, Materialien, Konstruktionen und Geschichten sind dabei keine Hindernisse, sondern Ressourcen für neue architektonische Entscheidungen.
Genau hier setzt ALL THE THINGS THAT MATTER an.
Wir verstehen Architektur nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als fortlaufenden Prozess – als etwas, das bereits eine Vergangenheit hat und eine Zukunft haben kann. Deshalb beginnen wir nicht mit einer Idee. Wir beginnen mit einer Inventur.
Denn jedes Gebäude ist mehr als seine äußere Erscheinung. Es ist ein materielles Archiv gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Vorstellungen. In seinen Räumen, Materialien, Konstruktionen und Gebrauchsspuren lagern Geschichten, technische Möglichkeiten, Lebensweisen und Machtverhältnisse. Gebäude tragen die Vorstellungen ihrer Entstehungszeit weiter – auch dann, wenn wir diese längst nicht mehr teilen.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe darin, ihre Geschichte sichtbar zu halten, ohne ihre Bedeutung einfach fortzuschreiben. Architektur kann Bestehendes lesen, kommentieren, überschreiben und neu zur Diskussion stellen. ALL THE THINGS THAT MATTER betrachtet den bestehenden Ort deshalb als materielles, räumliches, kulturelles und soziales Archiv. Wir zerlegen ihn – gedanklich, räumlich und konstruktiv. Wir suchen nach seinen Widerständen und Widersprüchen, seinen Schwächen und Qualitäten, seinen verborgenen Ressourcen und ungenutzten Möglichkeiten.
Was bleibt? Was kann weg? Was lässt sich verschieben, reparieren, ergänzen, umnutzen oder neu zusammensetzen?
Besonders deutlich wird diese Frage bei denkmalgeschützten Gebäuden und Monumenten. Sie sollen erhalten bleiben und zugleich gegenwärtig sein. Sie sollen Geschichte verkörpern und gleichzeitig genutzt, bewohnt und öffentlich angeeignet werden – von Menschen, deren Bedürfnisse, Gewohnheiten und Vorstellungen längst andere sind als zur Zeit ihrer Entstehung.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, was wir verändern, sondern was durch diese Veränderung sichtbar, lesbar oder neu verhandelbar wird.
Dabei interessiert uns nicht allein das, was bereits offiziell als erhaltenswert gilt. Wir untersuchen ebenso räumliche Qualität, konstruktive Intelligenz, Gebrauchsspuren und Materialwert, graue Energie und Atmosphäre, soziale Bedeutung und Erinnerung, Aneignung und funktionale Offenheit – und nicht zuletzt das Potenzial eines Gebäudes, sich auch in Zukunft wieder verändern zu können.
Die Charta von Venedig formulierte bereits 1964 ein Verständnis des Denkmals, das nicht nur das einzelne architektonische Werk, sondern auch dessen historisch gewachsenen Kontext umfasst. Zugleich fordert sie, die Beiträge unterschiedlicher Epochen zu respektieren.[1] Zeitgenössische zirkuläre Ansätze erweitern diesen Blick um Lebensdauer, Anpassbarkeit, Wiederverwendung und Reversibilität – und damit um die Frage, was ein Gebäude noch werden kann.[2]
Es braucht daher eine Entwurfsmethode, die nicht zuerst festlegt, sondern zunächst liest, sammelt, bewertet und auswählt. Eine Methode, die die Ordnungen des Bestands sichtbar macht und gerade daraus Möglichkeiten seiner Transformation entwickelt.
Denn Erhalten bedeutet nicht Stillstand.
Erhalten kann heißen, etwas freizulegen. Es kann heißen, zu reparieren, umzudeuten, umzunutzen oder zu verschieben. Es kann bedeuten, Teile zu entfernen, andere weiterzuverwenden oder das Vorhandene bewusst mit einer neuen Schicht zu konfrontieren.
Der Bestand ist nicht das Ende einer Geschichte. Er ist das Material für ihre Fortsetzung.
ENTWURFSSTRATEGIE:
DEMONTAGE bedeutet nicht Zerstörung. Sie ist eine Form des Lesens. Wir nehmen auseinander, um zu verstehen, woraus ein Gebäude besteht, wie seine Teile zusammenwirken und welche Abhängigkeiten, Hierarchien und Möglichkeiten darin verborgen liegen.
Das geschieht materiell und konstruktiv, aber ebenso räumlich, funktional und kulturell. Was trägt? Was verbindet? Was kann getrennt werden? Was ist unverzichtbar – und was nur Gewohnheit? Erhaltung bedeutet aus dieser Perspektive nicht, einen Zustand einzufrieren, sondern ihn fortzuschreiben. Material und Bedeutung werden nicht einfach konserviert, sondern untersucht, verändert und neu verfügbar gemacht. Ausgangspunkt des Studios ist ein bestehendes Gebäude oder Ensemble. Es wird zum Untersuchungsfeld, Materiallager und Ausgangspunkt des Entwurfs.
COLLAGE bringt Fragmente unterschiedlicher Herkunft und Zeit zusammen, ohne ihre Unterschiede aufzulösen. Colin Rowe und Fred Koetter entwickelten sie in Collage City als Gegenmodell zu einer totalisierenden Planung: Unterschiedliche Systeme, Zeiten und Vorstellungen dürfen gleichzeitig existieren. [3] Für das Bauen mit Bestand bedeutet das keine dekorative Ansammlung alter und neuer Materialien. Im Gegenteil: Die Differenz ist willkommen. Alt muss nicht wie neu aussehen. Neu muss nicht so tun, als wäre es schon immer da gewesen. Schnittstellen, Brüche und Zeitsprünge werden Teil des Entwurfs.
ASSEMBLAGE versteht Architektur als Gefüge heterogener Teile. Nicht das einzelne Element steht im Mittelpunkt, sondern das, was zwischen den Dingen geschieht: wie sie sich berühren, verbinden, voneinander lösen, gegenseitig beeinflussen und verändern. [4]
Ein bestehendes Tragwerk, eine neue Nutzung, ein historisches Fragment, eine gefundene Tür oder eine zusätzliche Konstruktion können vollkommen unterschiedliche Herkunft haben – und dennoch Teil einer neuen räumlichen Ordnung werden.
Entwerfen bedeutet hier nicht, alles aus einer Idee abzuleiten. Es bedeutet, Beziehungen zu organisieren.
BRICOLAGE beginnt nicht mit einem Wunschkatalog, sondern mit dem Vorhandenen. Der bricoleur bei Lévi-Strauss arbeitet mit einem begrenzten Repertoire verfügbarer Dinge; Jencks und Silver übersetzen eine verwandte Haltung mit Adhocism in eine Praxis des improvisierenden Entwerfens. [5]
Was vorhanden ist, bestimmt mit, was möglich wird. Das bedeutet nicht Verzicht auf Präzision. Im Gegenteil: Begrenzung wird zum Entwurfsmotor. Gefundene Materialien, bestehende Bauteile, räumliche Situationen und konstruktive Bedingungen werden nicht nachträglich in einen Entwurf integriert – sie erzeugen ihn.
Was bleibt – und warum? Was verschwindet? Wo wird geschnitten? Was wird ergänzt? Welche Verbindung ist dauerhaft, welche reversibel? Und was bleibt bewusst offen für eine nächste Veränderung?
Gesucht wird dabei weder eine nostalgische Ästhetik des Alten noch eine romantisierte Ästhetik des Reuse. Wiederverwendung allein macht noch keine gute Architektur. Entscheidend ist eine präzise räumliche, tektonische und kulturelle Haltung, in der der Bestand nicht Problem, sondern Generator des Entwurfs wird.
ALL THE THINGS THAT MATTER fragt nicht: Was können wir hier neu bauen? Sondern: Was ist bereits da – und was können wir daraus machen?
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[1] ICOMOS, International Charter for the Conservation and Restoration of Monuments and Sites (The Venice Charter), Venedig 1964, insbesondere Art. 1 und 11.
[2] BAMB – Buildings as Material Banks, Reversible Building Design: Reversible Building Design Guidelines and Protocol, EU Horizon 2020 Research Project, 2019. Siehe insbesondere die Prinzipien von Reversibilität, Transformation, Demontierbarkeit und Wiederverwendung von Bauteilen.
[3] Colin Rowe / Fred Koetter, Collage City, Cambridge, MA: The MIT Press, 1979.
[4] Assemblage-Theorie und die Definition von Architektur als relationales System aus autonomen Elementen, Verbindungen und Transformationsprozessen, ./studio3.
[5] Claude Lévi-Strauss, La Pensée sauvage, Paris: Plon, 1962; engl. The Savage Mind, Chicago: University of Chicago Press, 1966, insbesondere Kap. 1 „The Science of the Concrete“; Charles Jencks / Nathan Silver, Adhocism: The Case for Improvisation, New York: Doubleday, 1972.
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Erstes Treffen : 07/10/2026 um 10:00 Uhr am ./studio3
[Wir treffen uns immer mittwochs]


