Profil

Das Institut für experimentelle Architektur ./studio3 entwickelt und lehrt an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, Kultur und experimenteller Architektur. Es werden simultan Theorieansätze, Forschung und konkrete Umsetzungen zu diesem Thema durchgeführt. Es geht um Architektur als die gelungene Balance von Ästhetik, Funktion und Konstruktion, visuellem Empfinden und wissenschaftlichen Denkens. Dabei ist Kunst nicht ästhetischer Ansatz oder Aufputz, sondern wirkt real am kreativen Schaffensprozeß von Architektur mit. Im Vordergrund steht das Bemühen, ein Feingefühl für soziale Bedürfnisse und gesellschaftlichen Fortschritt zu entwickeln.

 

Konkrete Utopien

Es ist die Absicht des Institutes die Voraussetzungen für die Verwirklichung "konkreter Utopien" im Bereich der Architektur und des Städtebaues zu schaffen. Unter "konkreten Utopien” verstehen wir die Implementierung des Innovativen und Visionären als Bedingung für eine Architektur, die sich offensiv dem Diktat einer rein geschmäcklerischen Begriffsdefinition entzieht. Vorausgesetzt, dass Forschung immer mit Erfindung zu tun hat und Erfindung wesentlich vom Aspekt des Neuen, des Unbekannten und des Zukünftigen geprägt ist, ist der Schwerpunkt “Konkrete Utopien” übergeordnetes Forschungsziel und Lehrziel zugleich. Zielsetzung Ziel der Bemühungen des Institutes ist es, ein neues gesellschaftliches Architekturverständnis zu ermöglichen. Einerseits baut dieses Verständnis auf pragmatischen Werten auf, die durch exzellente Architektur ebenso erzielt werden können, (z.B. höherer Marktwert und dadurch bessere Verwertbarkeit, besseres Preis-Nutzenverhältnis gegenüber 08/15-Konstruktionen, geringe Energie- und Betriebskosten etc.), andrerseits werden emotionale Aspekte wie Unverwechselbarkeit und Eigenständigkeit in den Vordergrund gestellt. Es geht aber nicht ausschließlich um die Verfassung von schriftlichen Anleitungen im Sinne der vorher erwähnten Zielsetzungen, sondern auch um die exemplarische Unterstützung von Architekturinstallationen, die unter den erwähnten Gesichtspunkten als Zeichen oder mit Funktionen versehene Einrichtungen an besonderen Orten errichtet werden sollen. So soll z.B. die Verwirklichung von sog. “follies” ("kleine Verrücktheiten") Menschen auf das Ambiente aufmerksam machen, das sie tagtäglich benützen und dessen Besonderheiten sie bisher nicht erkannten. Dem visuellen Bewußtwerden soll ein Bewußtsein für gestalterische Prozesse folgen, das der Gattung des homo sapiens eigen ist -auch wenn es bisher versteckt und unentdeckt blieb. Wie die Fähigkeit zu denken, ist die Eigenschaft zum kreativen Handeln allen Menschen genetisch mitgegeben.

Volker Giencke ./studio3

 


Architektur in/aus/für Innsbruck -eine Krankheit/ein Experiment?

Wenn man sich heute in Graz in den Zug nach Innsbruck setzt, steigt man 2mal um und kommt nach ca. 6,5 Stunden gerädert an. Auf einem Bahnhof, der die Stadt in ein Vor und Dahinter teilt, wie das Bahnhöfe ohne zu fragen schon immer getan haben. Jedenfalls lädt dieser Bahnhof nicht zum Aussteigen ein. Es ist schon länger her, da lag Innsbruck noch auf der Strecke Graz-Zürich-Paris mit Speisewaggon, Büroabteil und 5 Stunden Fahrzeit. Viel zu lange für einen beschäftigten Menschen, aber doch mit der Möglichkeit die Zeit sinnvoll tot zu schlagen. Und der Bahnhof in Innsbruck sagte Grüß-Gott und nicht Hallo. Hallo, Sie sind in Tirol und nicht in der Schweiz. Na, Gott-sei-Dank. Man wird bescheiden, auf der Suche nach Architektur.

Wenn man heute von Graz nach Innsbruck fliegt, passiert man Wien-Schwechat, den Flughafen neben dem Zentralfriedhof mit dem neuen, schwarzen Terminal, der aussieht wie ein riesiges Grabmal, ein Kenotaph für 4 Milliarden Euro und für das Nichts in der Architektur. Zugegeben auch der Bestand ist provinziell, aber welcher Flughafen außer Berlin-Tegel verdient es in den Neufert der neuen Zeit aufgenommen zu werden? Berlin-Tegel wird bald abgerissen und vergessen werden, wenn Berlin-Brandenburg endgültig in Betrieb geht, eine weitere Fitness-Meile neben dem Herzinfarkt-Parcour Frankfurt und der Parkgarage in München. Also ok. Der Flug nach Innsbruck über Wien ist schön. Aber um wieviel schöner war der Direktflug Graz-Innsbruck-Graz, die Querung des Alpen-Hauptkamms, vorbei am Glockner, hoch oben über tiefen Tälern in denen Menschen wohnen. Ja, dieser Flug war immer wieder eine Droge, die einen am Leben erhielt. Und der Flughafen in Innsbruck? Ein phänomenales Schrägdach zum Vorfeld mit Stäben an denen eine Terrasse hängt, gebaut in den 60-er Jahren. Vor diese Terrasse hat man nun, 2011, eine erdgeschossige Schwerkonstruktion gebaut, deren Dach über die Terrasse ragt, so dass der Blick auf das Vorfeld perdu ist. Niemand würde angesichts dieser Idiotie vermuten, dass es in dieser Stadt eine Architekturschule gibt, die sich ehrlich bemüht ein magischer Ort in der Wunderwelt der Architektur zu sein. Aber in der Welt anzukommen, heißt noch lange nicht in Innsbruck zu sein.

Innsbruck ist groß genug als Stadt, alle menschlichen Neigungen öffentlich wirksam werden zu lassen. Zwischen schwer Begabten und verwoben mit sich Kämpfenden, machtgeilen Ohnmächtigen, feinsinnig Geistigen und skrupellosen Mikroben, erfinderischen Künstlern, eitlen Gecken und schwachsinnigen Wortführern ist hier alles zu Hause -wie in der großen Welt auch. Kollegen auf der Flucht, die zum Besten gehören, ebenso wie Kollegen, trickreich und schlau, und die begabtesten Mäusefänger der Stadt. Und die Göttin des Glücks wird von Löwinnen zerrissen, von Architektinnen, die sich als keine demaskieren und die so sind wie man sie bisher wahrgenommen hat: als freundliche und unglückliche Gestalten. Gestalten, die das Glück der anderen nicht ertragen. Man bekommt Angst vor diesen, die in Jurien sitzen und Preise vergeben. Statt zu schreien, schweigt man, und möchte sein Gesicht verbergen vor Scham. Aber dann spielt plötzlich Alexandré Tharaud die Pastorale in C-Moll in deinem Kopf, und du vergißt die Ungeheuer, die die Vernunft und der Neid hervorbringen. Und selbst die Zwerge, die trotz dickem Bauch lange Schatten werfen, verschwinden im Land des Vergessens. „Sehen müssen Sie es, sehen!“ sagt überraschend der Betreuer zum Prüfer. „Sehen, ja wie denn sehen“, sagt die Prüferin, „wir reden ja miteinander“. „Nein“, sagt der Betreuer, „sehen als Mittel der Kommunikation, als Sprache, das meinte die Studentin“ -die übrigens nichts mehr sagt. „Ja, aber so geht das doch nicht“, sagt die Prüferin. Doch es geht. Es gibt gar nichts Schöneres für Prüfer -das gilt auch für Lehrer- als auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden, etwas falsch oder gar nicht gesehen und verstanden zu haben. `Danke`, wäre dann die einfachste Antwort.

Ich denke, ich denke nichts. Soviele Kilometer verbraucht in all den Jahren für Architektur ohne Architekten. Architekturschulen sind für Studenten/innen da. Schlußendlich die Erfahrung, dass 10 bis 15 Prozent dieser Studenten/innen interessiert und engagiert sind. Gott-sei-Dank sind wir einen Massenuniversität und 15% von 1400 sind 210. Soviele und nicht mehr Architekturstudenten/innen hat ganz Norwegen. Viele von diesen 210 sitzen in den Zeichensälen und säßen sie nicht dort, sie säßen nirgendwo.

Aufgabe der Architektur ist es, durch positive Intelligenz und fachliche Kompetenz die Welt zu verändern,
_ im Sinne der Kunst und des Spektakels, aber nicht des modischen        Klamauks
_ im Sinne des Experiments als konkreter Utopie
_ im Sinne des technischen Fortschritts und der Erfüllung ethischer          Funktionen.

Die Zeichensäle an der Uni Innsbruck sind zu Reservaten der Architektur geworden. Sie sind Stätten an denen ein geistiges Asylrecht ausgeübt wird, ohne dass dieses explizit ausgesprochen worden wäre-gegen die Hürden der Administration, des Nachtdienstes und der Hausmeisterfraktion.

Wurde das Asylrecht ehemals per kaiserlichem Dekret verordnet, so schützt seit 1951 die Genfer Konvention Menschen, die Furcht haben müssen verfolgt zu werden, u.a. wegen ihrer Gesinnung und Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen, politischen und kulturellen Gruppen. Nicht zuletzt Gottfried Semper, großartiger Architekt des Zwingers in Dresden, sowie des Burgtheaters und des Kaiserforums in Wien, zugleich Philantrop und unerbittlicher Kritiker politischer Ignoranz, überlebte als hochgeschätzter Asylant.

Studierende, die es mit der Architektur ernst meinen, brauchen ein geistiges Asylrecht, früher oder später. Baulich verwirklicht ist unser Asyl in den Zeichensälen. In diesem Sinne sind die Architekturzeichensäle an der Universität Innsbruck die Rückversicherung für die vom Aussterben bedrohte Art der engagierten, unbeugsamen und ewig ihrer Aufgabe verpflichteten Architekten und Architektinnen.

Volker Giencke ./studio3

CONCRETE UTOPIAS - V. GIENCKE

A definition of the term “Concrete Utopias”: We understand “Concrete Utopias” as the implementation of the innovative and visionary as being a basic requirement for an architecture which decisively rejects the dictates of definitions based on taste. On the assumption that research always has something to do with discovery and that discovery is deeply affected by aspects of the new, the unknown and the future – then this idea of “Concrete Utopias” is the principle objective, at one and the same time, of both our research and our teaching. The objective of our institute is to encourage the emergence of a new social understanding of architecture. On the one hand, this understanding is based on the pragmatic values which are the aim of all excellent architecture (e.g.: increased market value and – hence – better usability, improved cost-benefit relationships in comparison with 08/15 building, lower energy and operating costs, etc) and, on the other hand, such emotional aspects as uniqueness and originality take centre stage. But, rather than just producing written instructions related to the above-mentioned objectives, we also seek to support the creation of exemplary architectural installations which, in line with the principles set out above, can be either simple signs or some form of functional objects in special locations. The aim of creating such “follies” is to draw the attention of people to aspects of their daily world that they had previously not really noticed. The development of this visual consciousness should be followed by the development of a design consciousness which is unique to homo sapiens – even when this has long remained hidden and undiscovered. Just like the ability to think, the ability to act creatively is a part of the genetic make-up of every one of us.